Manchmal ist eine Sache so ungeheuerlich und ungerecht, dass einem die Worte fehlen. So geht es mir nach dem Urteil gestern, dass Gina Lisa Lohfink zu 20.000€ wegen falscher Anschuldigung der Vergewaltigung verurteilt, obwohl es Filmaufnahmen gibt auf denen deutlich und mehrmals Gina Lisa Lohfink „Hör auf“ sagen zu hören ist und sie offenkundig stark benommen zeigen. Und obwohl es seit Juli den neuen „Nein heißt Nein“- Paragraphen gibt. Gestern ist ein sehr trauriger Tag für alle Frauen. Denn das Urteil heißt vor allem: Besser den Mund halten.

Ob es um Gina Lisa Lohfink geht, die Opfer von Köln oder den Kachelmann-Prozess, es ist immer das gleiche Prinzip. Die Klägerinnen im Kachelmann-Prozess wurden von Beginn an von Journalist*innen diffamiert, von einer der klagenden Frauen wurde sogar die Hausadresse im Internet veröffentlicht um sie der Verfolgung und Verängstigung auszusetzen. Im Diskurs um Köln wurden die geschädigten Frauen von selbsternannten Antirassist*innen so sehr verachtet dafür über Sprache und Hautfarbe der Täter gesprochen zu haben (im Sinne der polizeilich relevanten Täter-Beschreibung), dass es zum Beispiel zu Phänomenen führte wie, dass eine Frau, die solchen Kreisen zugehörig ist, ihre Vergewaltiger zuerst nicht anzeigte, weil sie Flüchtende waren. Und sich dann auch noch öffentlich dafür entschuldigte, dass sie es doch tat. Daraufhin wurden ihr wiederum weitere Vergewaltigungen gewünscht, weil sie darüber sprach, dass sie zuerst nicht darüber sprechen wollte.

Wenn Frauen den Mund aufmachen und über ihre Gewalterfahrungen sprechen, werden sie auf viele Arten schnell wieder stumm gemacht. Hierzu gibt es mittlerweilse sogar einen Begriff, nämlich „Silencing“:

„Silencing refers to techniques used to shut women up when they complain about sexism or other problems. It encompasses harassment or intimidation that discourages women from speaking out, shaming and humiliation targeted at women who do speak up, and techniques used to dismiss or deny the legitimacy of womens‘ speech“.

Zum Beispiel in dem man einen Shitstorm auf sie startet. Wenn sie es aber auch noch wagen zu prozessieren, also ihr Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit öffentlich einzufordern, geht es so richtig los. Denn dann folgt das Silencing hochoffiziell, von ganz oben, von öffentlichen Gerichten, die die Gewalterfahrung ganz offiziell als „nicht wahr“, als nie geschehen, als erlogen definiert. Und mensch sie ab nun auch so benennen muss. So wie die Medien es seit gestern auch tun – „Gina Lisa hat zwei Männer fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt“, „Falsche Behauptung der Vergewaltigung“, „Ein Hohn gegen echte Vergewaltigungsopfer“. Der eine frei gesprochene Beschuldigte hält derweil stolz eine Rede vor Kameras ob der Verlogenheit der Klägerin. Wälzt dabei noch ein paar Stereotype, weil er weiß, dass das am besten zieht um Gina Lisa Lohfink noch mehr zu diffamieren. Für mediale Aufmerksam Prozess gemacht und so weiter.

Auch das Gericht wirft Frau Lohfink vor die Vorwürfe für mediale Aufmerksamkeit erhoben zu haben und aus Scham ob der verbreiteten Sexvideos. Stereotyper hätte mensch die Anklage nicht mehr inszenieren können. So ist davon auszugehen, dass wenn es sich um eine andere Frau als Gina Lisa Lohfink gehandelt hätte, das Urteil wohl anders ausgesehen hätte. Man stelle sich zum Beispiel ein solches Video vor mit einer verheirateten, zweifachen Mutter, die, sagen wir, als Lehrerin arbeitet und wie das Urteil dann ausgesehen hätte. Es ist kaum zu ertragen wie die Öffentlichkeit und das Gericht mit jemandem aber wie Gina Lisa Lohfink umgeht. Als würde ihr Beruf oder ihr Auftreten sie weniger vergewaltigbar machen, als gäbe es überhaupt etwas auf dieser Erde, dass ein Gewaltverbrechen an Frauen weniger schlimm oder wahrscheinlich macht.

soli gina lisa

Der 22.8.2016 ist ein Schlag in die Magengrube aller Frauen, er bezeugt einmal mehr was die Menschen und selbst der Staat von Frauenrechten halten, er zeigt vor was passiert, wenn frau sie einfordert, wie brutal Frauen gebrochen werden, die von ihren Gewalterfahrungen erzählen und Gerechtigkeit für sich verlangen.

Das Höchstmaß an Respekt geht an Gina Lisa Lohfink, die trotz allem bis hier her gekämpft hat und sehr viel Wichtiges erreicht hat. Man kann nur hoffen, dass sie alles gut verkraftet und ganz nach ihrem Vorbild gegen alle Widerstände der rape culture niemals schweigen.

paulaשspock