Mensch liest viel über den Konflikt im Nahen Osten. Meistens geht es, neutral ausgedrückt, um das Verhältnis zwischen Israel und den Palästinenser*innen. Kaum jemand weiß Bescheid, dass Palästinenser*innen in Flüchtlingslagern und entrechtet in den arabischen Staaten um Israel herum leben. Was wohl vor allem daran liegt, dass der Einsatz für Palästinenser*innen nur dann interessant ist, wenn man Israel dabei dämonisieren kann. Sogar Wikipedia räumt ein: „Das palästinensische Flüchtlingsproblem innerhalb der arabischen Welt und die mangelnde Anerkennung und Aufnahme der Palästinenser in den arabischen Ländern findet allerdings kaum mediale Resonanz und wird auch weniger politisch thematisiert als die Situation im Zusammenhang mit Israel.“

Die Lage verhält sich kurz umrissen so: Während dem Palästinakrieg und anderen Kriegen der arabischen Staaten gegen Israel, flohen sowohl hunderttausende Palästinenser*innen aus Israel in arabische Länder, sowie hunderttausende Juden* und Jüdinnen* aus den arabischen Ländern. Letztere gingen hauptsächlich nach Israel, Kanada oder Frankreich und leben dort heute meist als anerkannte Staatsbürger*innen. Erstere gingen hauptsächlich in den Libanon, nach Syrien und Jordanien, wo sie bis heute als Flüchtlinge in Lagern und ohne Staatsbürger*innenschaft leben. Selbst im Gazastreifen, der 2005 komplett der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) übergeben wurde und jeder Jude* das Land verlassen musste, leben Palästinenser*innen immer noch in Flüchtlingslagern.

Damit wollen die arabischen Staaten und die PA Druck auf Israel ausüben: „Die Behandlung der Flüchtlinge in den zehn Jahren nach ihrer Flucht wurde von Ralph Garroway, dem ehemaligen Direktor der UNRWA, im August 1958 mit folgenden Worten zusammengefasst: ‚Die arabischen Staaten wollen das Flüchtlingsproblem nicht lösen. Sie wollen die Wunde offen halten, als Affront für die Vereinten Nationen und als Waffe gegen Israel. Den arabischen Führern ist es dabei völlig egal, ob die Flüchtlinge leben oder sterben‘.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Indem sie offiziell auf das „Rückkehrrecht“ der Palästinenser*innen verweisen und als Grund anführen, eben diese staaten- und rechtelos seit mehreren Jahrzehnten in Flüchtlingslagern dahin vegetieren zu lassen, haben sie immer dieses Druckmittel gegen Israel in der Hand. Dabei wissen sie, dass die Rückkehr aller Palästinenser*innen Israel existenzgefährdend destabilisieren würde, denn damit sind nicht nur die damals geflohenen Palästinenser*innen, sondern auch ihre Nachkommen gemeint. Dass das real das Ende des Staates Israel bedeuten würde, wissen nicht nur die arabischen Staaten, die die Flüchtlinge deshalb in den Lagern und ohne Rechte lassen, das weiß natürlich auch die BDS (=die internationale Boykottbewegung gegen Israel) und behält sich aber dennoch hartnäckig den blinden Fleck ob ihrer antisemitischen Gehalte bei.

Die Rechte der Palästinenser*innen wird immer an die Existenzfrage Israels geknüpft, weswegen die Palästinenser*innen bis dato in einer prekären Situation leben und paradoxer Weise verursachen genau diejenigen das, die angeblich nichts außer deren Rechte wollen. Denn auch das Rückkehrrecht bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als das Ende der einzig sicheren Heimat von Millionen von Juden* und Jüdinnen*, anstatt, dass man verlangt, den Nachkommen der ehemals Geflüchteten dort ihre Rechte zu geben, wo sie heute leben. Das ist so als würde man die Flüchtlinge hier für immer ohne Rechte im Lager Traiskirchen lassen und sagen, dass Syrien Schuld daran ist.

Warum sich die BDS und alle anderen „Israelkritiker*innen“ in ihrem Eifer sich angeblich für die Palästinenser*innen einzusetzen, Zeit ihrer Existenz so unglaubwürdig machen, ist, weil sie im Normalfall diese Millionen Palästinenser*innen außerhalb Israels, nicht interessieren. Vor allem das macht so deutlich, dass es in Wahrheit darum geht gegen Israel Stimmung zu machen und nicht um die Verbesserung der Lage der Palästinenser*innen. Denn ging es ihnen um das Schicksal eben dieser, müssten sie ebenso großes Interesse an der katastrophalen Situation der palästinensischen Flüchtlinge in Jordanien, Syrien und dem Libanon haben und die Staaten dazu aufrufen ihnen bessere Lebensbedingungen zu verschaffen. Tun sie aber nicht. So heißt es auf der Homepage der BDS Austria: „Uns alle eint der Wunsch, die fortdauernde Unterdrückung und Diskriminierung von PalästinenserInnen zu beenden, damit alle Menschen in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten unabhängig von religiöser oder anderer Zugehörigkeiten gleichberechtigt und in Würde in ihrer Heimat leben können.“ Die Diskriminierung der Palästinenser*innen also. In Israel.

Bezeichnend sind schon allein die Recherchearbeiten zu diesem Artikel. Zum Konflikt zwischen Israel und Palästina finden sich, wie mensch sich vorstellen kann, abertausende Texte im Netz. Zu der Situation der Palästinenser*innen überall sonst gibt es zwar den hier zitierten Wikipedia-Eintrag, abgesehen davon stellte es sich allerdings als sehr schwer heraus, genaueres darüber in Erfahrung zu bringen bzw. zu einer Übersicht zu gelangen, zumindest auf Deutsch.

Ich wiederhole mich hier zu Schluss absichtlich, denn das ist die offensichtliche Lehre daraus, die sich wiederholend in fast allen Belangen, die sich „kritisch“ mit Israel beschäftigen, jedes Mal bestätigt: Menschenrechte sind dann interessant, wenn man als Haupteffekt Israel dabei verteufeln kann. Über die Grenzen Israels hinaus sind in dieser Wahrnehmung islamfaschistische Regime, die jedes einzelne Grundrecht ihrer Bürger*innen missachten, und entrechtete und verwahrloste Palästinenser*innen inexistent. „Israelkritik“ ist in den seltesten Fällen pro Palästinenser*innen, sondern contra Israel und die Rechte der Palästinenser*innen zu diesem Zwecke vorgeschoben.

paulaשspock