Dorian

Mein Name ist Dorian. Und ich kann nicht akzeptieren, dass die Liebe das lebenserhaltende Prinzip ist, die Urschöpfung jeder Sinnverleihung und der Inhalt jeder Form. Weil ich glaube, dass es krank ist. Außerhalb der Liebe ist alles matt und krüppelhaft, ein Abklatsch, die Farce. Vielleicht gibt es außerhalb ihr auch nichts. Es ist rückgratlos, abhängig und bedürftig ihr nachzuhängen. Und allzu bedürftig sein ist demütigend. Schulz von Thun kennt unter anderen den bedürftig-abhängigen Kommunikationsstil solcher Leute. Sich als schutzlos und klein inszenieren und immer um Hilfe betteln, jämmerlich.

Am Schlimmsten ist, wenn sich zwei dieser Bedürftigen finden und in ihrer totalen Hingabe zum anderen, sich gegenseitig und der ganzen Welt zeigen wie bedürftig, abhängig und unselbstständig sie sind. Als würden sie in Leuchtschrift auf dem dunklen, unendlichen Firmament ihrer Hilflosigkeit ihre Unzulänglichkeit als Soloinstrument zeichnen und als wären sie ohne den anderen nur auf einem Bein durch die Welt gehumpelt, erbärmlich. Und darauf weisen sie noch mit Stolz hin, wenn sie Liebeslieder singen und Heiratsanträge sülzen, lächerlich, abstoßend.

Ich heiße gar nicht Dorian. Aber ich bin Dorian. Ich bin vielleicht nicht nur Dorian, aber Dorian bestimmt mich weitgehend. Ich heiße Johanna. Dorian ist die Kraft, die mich im Wesentlichen durchs Leben navigiert, bisher. Ich mache Therapie. Die meiste Zeit der Therapie verging damit heraus zu finden, dass ich nicht Dorian bin. Oder nicht nur. Ich glaube Dorian ist schizoid. Nicht zu verwechseln mit schizophren. Schizoid nennt Fritz Riemann eine von vier Grundängsten, nämlich die Angst vor der Hingabe. Die Hingabe ist nach Riemann beim Schizoiden gleich einer Selbstaufgabe, die totale Auflösung im Anderen. Der Schizoide verliert sich im Gegenüber, er hört auf zu existieren. Deshalb muss der Schizoide stark auf Abstand gehen um sich nicht selbst zu verlieren.

Liebe Johanna,

es tut sehr weh, dass du mich nicht liebst. Gestern schlief ich mit einem Mann. Auch das tat weh. Ich tat es um mir weh zu tun. Ich tat es, damit mein Schmerz ein Gesicht bekommt, denn du bist ja nicht da. Ich kann nicht weiter schreiben, denn es tut so weh, dass ich Lähmungen habe und nur mehr schwer atmen kann.

Deine Anima

Dorian ist ein ziemlich armer Kerl. Er hat große Angst. Und er darf sich nicht spüren, er verhindert, dass ich mich spüre, ich vermute um mich vor Kränkungen zu schützen. Aber ich vermute es nur, ich glaube ebenso versucht er zu verhindern seine Hintergründe in Erfahrung zu bringen. Und wiederum hier vermute ich, dass er sich für etwas schämt. Und darüber darf ich aber schon gar nicht sprechen, deswegen höre ich wieder auf damit.

Ich soll über die starken und guten Dinge von Dorian sprechen. Dorian ist gut im Denken. Sehr klar, sehr griffig, analytisch. Dorian ist ein fabelhaftes Werkzeug die Dinge auseinander zu nehmen und auf ihre Grundfeste zu durchleuchten. Ein ausgezeichnetes Werkzeug. Er kann sehr gut alle Möglichkeiten durchdenken und berücksichtigen.

Das Internet sagt, dass der Name Dorian im Bedeutungsursprung aufs Lateinische zurück geht und „das Geschenk“ heißt. Hier sind die Möglichkeiten tiefgründiger, analytischer Analogien zu meinem Schicksal mit Dorian so aufgelegt, dass es Dorian zu öde ist. Zu flach, zu anspruchslos. Dorian ist auch ein ziemlich arroganter Kerl. Johanna heißt die von Gott begnadete. Hierzu fällt uns gar nichts ein, auch öde.

Hallo Anna!

Also mir ist unglaublich langweilig, so gehts mir. Und dir? Und die Leute in dieser Firma sind wie Karikaturen. Ein Ulrich Seidl. Und manchmal auch ein Deix. Man müsste viel öfter in die satirische Perspektive wechseln, dann wäre alles Kabarett auf höchstem Niveau, den ganzen Tag, herrlich, in der U-Bahn, zu Hause, wenn man in den Spiegel blickt und vor allem wenn ich in die Gesichter dieser Affen hier schaue, Proleten, die versuchen sich ordentlich anzuziehen für die Arbeit. Ich habe heute einen sehr fiesen Tag, tut mir leid. Manchmal bin ich erschrocken wie gemein ich sein kann, jemand wie ich – so wie ich dir hier schreibe – bin mein eigener, größter Alptraum wahrscheinlich. Aber dir gegenüber und vor allem auf Blatt Papier bin ich auch immer viel enthemmter. Ich mag es übrigens sehr gerne, dass ich vor dir in meiner Gemeinheit so enthemmt sein kann und du es wahrscheinlich sogar sehr lustig findest.

Emmi – eine der Mitarbeiterinnen, die in der Bahnhofshalle aka Großraumbüro arbeiten muss, von dem ich dir erzählt habe – finde ich als Typ sehr spannend. Sie ist übertrieben nett, also wirklich so überzogen und übertrieben (übrigens überhaupt nicht unangenehm überzogen, irgendwie schafft sie es süß wie eine Tonne Karamell zu sein, die dir in den Zähnen picken bleibt und aber trotzdem nicht unangenehm dabei zu sein. Ich freue mich über jedes ihrer überschwenglichen „Hallos“). Also jetzt muss ich den Satz nochmal beginnen: Sie ist so überzogen und übertrieben nett, dass ich mir das Ausmaß des elendslangen Schatten dahinter gar nicht vorstellen mag. So nett kann man gar nicht sein ohne, dass man in den Hinterstübchen als Sublimierung Gewaltphantasien verbirgt. Oder pervers anmutende, geschmacklose Schimpftiraden auf die anderen zu denen man vor Sekunden noch Karamell war. C.G. Jung nennt das den „Schatten“ von jemanden. Übrigens bückt sich Emmi immer. Sie geht geduckt, aber nicht nur einfach weil sie geduckt geht, sondern weil sie einen Buckel hat. Der vermutlich vom ewigen Ducken kommt.

Hab ich dir schon erzählt, dass ich zum C.G. Jung-Fan mutiert bin? Ich bin süchtig. Es ist das Interessanteste von dem ich je gehört habe. Und ganz allgemein denke ich, dass die Tiefenpsychologie die Königin unter den Faszinosmen dieser Welt ist. Also wie das überhaupt funktionieren soll, eine These über eine unsichtbare Masse, der man noch dazu selbst unterliegt, die Psyche untersucht die Psyche, das kann gar nicht gut gehen! Und trotzdem ist sie die bisher beste Theorie über die Welt. Das Unbewusste und seine Macht ist alles wovon man am Ende ausgehen muss, die Welt ist voll mit Ablegern innerer Spannungen, die sich erleichtern, die komplette Lesart deiner Realität ist unbewusst motiviert. Und du hast keine Kontrolle darüber. Und bitte komm mir nicht mit freier Wille, das ist dermaßen fad.

Emmi geht grad rauchen. Ich war heute noch gar nicht. Weil ich keine Lust habe. Das Rauchen und ich sind ein seltsames Paar, manchmal will ich es und manchmal verabscheue ich es. Wobei verabscheuen hier der absolut falsche Ausdruck ist, ich kann es dann gar nicht verabscheuen wie heute zum Beispiel, weil es mir nicht mal in den Sinn kommt, es ist einfach nicht da. Nicht als Wunsch und nicht als Graus, einfach nicht. Erst Emmi hat mich wieder daran erinnert, dass es das überhaupt gibt.

So wie bei allem im Leben, bin ich nicht mal beim Rauchen konsequent. Fachzeitschriften nennen so etwas „partiell abhängig“. Beim Trinken übrigens das Gleiche. Manchmal lüstert es mich so sehr nach einem Bier, dass ich den Alkoholismus in der Ferne schon fröhlich winken sehe und an anderen Tagen wiederum erscheint mir trinken so dermaßen absurd und lustlos, dass ich mich an die nach Bier lüsterne Person wie an eine Fremde erst aktiv zurück erinnern muss um einen Zusammenhang zu mir selbst herzustellen.

Die besten Momente sind morgens an der Bushaltestelle, wenn ich voller Abscheu und Verständnislosigkeit auf die rauchenden Süchtigen schaue, die sich ohne natürliches Ekelgefühl in aller Frühe das pure Gift in ihre Luftflügel ziehen, die daran verkleben und verdorren und verkohlen und finde das einfach abscheulich. Und dann erst erinnere ich mich daran, dass das genauso gut ich sein könnte. Dass ich genau das Gleiche tue mit meinem Körper, auch wenn nicht konsequent. Und das finde ich dann nicht furchtbar, ich finde es gar nicht, weil ich keine Beziehung zwischen dem rauchenden und saufenden Wesen und mir in diesem Moment herstellen kann. Es ist jedenfalls eigenartig.

Und des Weiteren inkonsequent ist, dass ich mich nie so Recht entscheiden kann: habe ich ein Problem mit den Süchten oder nicht? Ist das was ich tue Nikotionsucht, problematisches Trinken? Oder nicht? Für beide Richtungen fehlt mir dieses letzte Quäntchen Überzeugung, das sich durch ein eindeutigeres, problematischeres Verhalten speisen würde. Sonst könnte ich mich überzeugt und konsequent an den Versuch machen es bleiben zu lassen oder aber überzeugt und konsequent es unbekümmert so weiter treiben wie ich es mache. So aber bleibt es immer unproblematisch genug um weiter zu machen und problematisch genug um sich darüber zu sorgen. Und dazwischen wird man zermalmt von Zweifeln.

Ok, also das E-Mail-Schreiben fällt in der Bahnhofshalle langsam auf glaube ich. Bitte schreib mir irgendwas, mir is so tötlich fad. Wie läufts bei euch?

Schick dir inzwischen Bussi, Johanna

Ich habe eine verflossene Liebe. Also ich habe zwei verflossene Lieben, wenn man so will. Oder was heißt noch einmal „verflossen“? Dass sie nie erfüllt waren? Denn das stimmt nicht, sie wurden erfüllt, also sie wurden erwidert. C.G. Jung und jeder andere Tiefenpsychologe würde das hier jetzt gerade natürlich als unzufällig deuten. Warum nenne ich sie verflossen, wo sie doch erwidert waren? Übrigens hatte ich im Leben natürlich mehr als zwei Lieben, aber zuletzt meine ich, in der näheren Vergangenheit. Und die eine war mir zu nah und die andere zu fern. Der einen übrigens, die mir zu nah war, war ich zu fern und der anderen, die mir zu fern war, war ich zu nah. Aber vermutlich ist das immer so in der Liebe. Außer man hatte als Kind einen so durch und durch gesunden Nippel der Mutterbrust zwischen den kleinen Lippen, dass sich ein anständiges Gleichgewicht zwischen Nähe und Abstand wollen und halten einstellen konnte. Aber wer hatte das schon?

Und eigentlich war mir immer schon etwas entweder zu nah oder zu fern, meistens zu nah. Und ich glaube nicht mal, dass das nur an mir liegt, meine Ex-Freundinnen waren auch allesamt Typen, die entweder sehr viel Abstand oder sehr viel Nähe einforderten, meistens viel Nähe. Aber das Gegenüber spiegelt ja immer nur einen selbst. Mit beidem kam ich nicht gut klar, beides löste Überlebenskämpfe aus. Der Abstand weniger, als die Nähe.

Die Nähe bedroht mich in einem erschauerlichen Ausmaß, sie zerdrückt mich wie jemand eine Ameise mit dem Daumen, die mitfühlende Hand auf mir löst eine übermannende Welle der Wut aus, die meinen Körper vom Scheitel, bis in die Zehenspitzen durchfährt, ein hochaggressiver Abwehrimpuls, so dass es unter der Haut pulsiert. Und ich versuche zu verstehen warum das so ist. Es ist jedenfalls eine Phantasie. Sie taucht auf bei der Vorstellung, ich kann mich grundsätzlich lieben lassen. Wenn ich betrunken bin und die Seele ihre Tore einen Spalt öffnet, können die schauerlichsten Dinge hervor blitzen, nämlich all diese Gefühle, die zuvor nur Phantasie waren. Das wissen vor allem meine Ex-Freundinnen.

Hallo Anna!

Dies ist ein Email an mich selbst für in einem Jahr, wenn ich hoffentlich bereits hier draussen bin: Ich hasse diesen Job, ich hasse diese Firma, sie löst Ekel in mir aus und ich möchte weg! Weißt du was ich besonders hasse?

Emmi – die gebückte Dauerfreundlichkeit – bringt die Kunden in etwa immer so zu mir: „Johanna, ich bringe dir hier einen sehr netten, jungen Mann, sehr höflich, sehr aufmerksam und fesch noch dazu!“ Mit einem kindischen Kichern hinten dran. Während der Kunde die ganze Zeit über daneben steht! Und er und ich uns vorkommen als würden wir von einer peinlichen Alten verkuppelt werden wollen und dementsprechend peinlich berührt unsere ganze, restliche Konversation. Wusstest du, dass Emmi Lebens- und Sozialberaterin ist? Selbstständig, nach der Arbeit.

Anna, ich kann dir gar nicht sagen, was diese Vorstellung in mir auslöst von ihr gecoacht und beraten zu werden – wie eine Stunde Blut ausgesaugt bekommen in einem bizarren Setting, gestaltet von jemandem, der vorgibt zu unterstützen, damit er sich Wärme und Aufmerksamkeit absaugen kann. Sie sagt auch immer „Ich hab keine Familie, ich habe Zeit für sowas.“ Und weil sie keine Familie hat, fährt sie nach der Arbeit zu ihren Kunden als Ersatz und nennt es „Beratung“, Hilfe! Jetzt hat sie mir gerade Schokolade gebracht und ich fühle mich furchtbar schlecht, weil ich so über sie rede. Habe ich in meinem letzten Mail behauptet, dass mir Emmi nicht unangenehm dauernett ist? Ich nehme das zurück.

Mittlerweile versuche ich ihren überschwenglichen Freundlichkeiten auszuweichen wie beim Völkerball, sie machen mich fertig! Wenn das überschwengliche „Hallo!“ rüberschießt fühlt es sich an, als spürte ich den Krebs tief in den Eingeweiden wachsen – ihren Krebs, der auf dem Nährboden des ganzen unterdrückten Hasses zu wuchern beginnt. Na Gott sei Dank habe ich dich, wo ich all meinen Hass abladen kann und mir somit hoffentlich der Krebs erspart bleibt. Du bist sozusagen meine Gesundheitsvorsorge, vielen Dank!

Apropos Hass und Gott sei Dank: Weißt du was uncool ist? Also wir sind ja die aufgeklärten, modernen, jenseits den Grenzen der Alten denkenden Atheisten. Und belächeln bei Gelegenheit ein bisschen unsere Freunde mit den imaginären Freunden. Ich mache das auch. Und ich kann ehrlich gesagt auch nicht anders, es ist mit Abstand das abstruseste Konstrukt, das man sich vorstellen kann, also das Konstrukt selbst ist ja noch irgendwie naheliegend für den durchschnittlich intelligenten Menschen, der sich die Erklärungen irgendwie herleiten muss. Abstrus ist dieser ernsthafte, toternste und flächendeckende Glaube daran. Und dass niemanden von denen irritiert, dass jeder von ihnen an was anderes glaubt und deswegen eventuell etwas subjektiv-konstruiertes dahinter stecken könnte. Ach wie auch immer, manche Dinge sind so lächerlich, dass sie wirklich ärgerlich sind, vor allem wenn soviel Macht und Einfluss damit verbunden ist.

Aber jedenfalls, was ich eigentlich sagen möchte: Es heißt ja, man solle „religiöse Gefühle“ nicht verletzen. Darüber habe ich mich lange Zeit sehr aufgeregt, denn was soll das denn heißen? Was ist ein „religiöses Gefühl“? Irgendeine abstrakte Emotion zu einem imaginären Freund im Himmel eben und das solle man gefälligst respektieren – aha. Und im Zuge der ganzen Aufregung gegenüber dem islamophoben Mob, der sich ja auch oder vor allem an der Religion aufhängt, habe ich meine Meinung ein bisschen geändert glaube ich. Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass es diese Gefühle gar nicht gibt, ich denke es bleibt uns nichts anderes übrig, als davon auszugehen, dass es solche Gefühle gibt, auch wenn wir sie überhauptnicht nachvollziehen können. Und weißt du wie ich darauf komme?

Ich persönlich kann absolut nichts mit der Panik gegenüber eines hypothetischen Überwachungsstaats anfangen, nur weil ein paar Kameras auf öffentlichen Plätzen installiert werden. Im Gegenteil, ich fühle mich sicherer, wenn es solche Kameras gibt (natürlich ist auch das eine eingebildete Sicherheit, weil die Kamera erst dann etwas bringt, wenn das Verbrechen schon geschehen ist und an einen echten Abschreckungseffekt glaube ich nicht, aber kann es mir offenbar irgendwie vor machen).

Jedenfalls fühle ich mich keines Falls kontrolliert oder überwacht und ich kann dieses Gefühl dazu auch einfach absolut nicht nachvollziehen, denn: was habe ich an einem öffentlichen Ort denn schon zu verbergen? Was darf denn da die Kamera nicht sehen, was ja aber jeder andere um mich herum sehen kann und darf? Und so habe ich das auch in Diskussionen um das Thema immer verlautbart. Worauf ich meistens verständnisloses Kopfschütteln als Antwort bekam. Ich kann es nicht nachvollziehen, aber: ich muss es zur Kenntnis nehmen. Wenn es hier eine Masse gibt, die sich darüber empört, weil sie sich überwacht und kontrolliert fühlt, muss es akzeptiert und zur Kenntnis genommen werden. Und kann nicht einfach so übergangen werden. Nur weil ich ein Gefühl nicht kenne, heißt das nicht, dass es nicht berechtigt ist. Und so weiter und so fort.

Ich fürchte ich muss aufhören, es scheint tatsächlich Arbeit auf mich zu zu kommen in meinem sinnlos bezahlten Dasein hier.

Bussi!

Die Wahrheit ist, dass ich die wenigsten Gefühle wirklich kenne. Was ich sehr gut kenne ist Verzweiflung und Angst, generell ist Angst das dominante Empfinden meines psychischen Haushalts und leitet meist meine Handlungen an. Wobei ich mir immer noch schwer tue heraus zu finden wovor ich eigentlich Angst habe. Aber ich glaube davor mich zu zeigen, so wie ich bin. Und deswegen muss da ein Glaube in mir existieren, dass ich falsch bin. In meiner Psychotherapie heißt es, es ist die Angst angeschaut zu werden. Dass sich der Blick auf einen richtet. Als könnte man etwas Böses dabei entdecken. Und das wiederum spricht für ein gestörtes – oder besser gesagt gar kein – Verhältnis zu den eigenen bösen Anteilen. Die jeder hat. Meine Therapeutin sagte einmal, dass ich gar nicht wissen will, was alles im Schatten verborgen ist. Diese böse Seite in einem ist unerträglich für jeden normalen Menschen und deswegen ist es alles andere als ein Zufall, dass sie uns meistens nicht zugänglich ist. Es ist aber ein Unterschied, ob das Böse einfach nicht vollends ins Bewusstsein dringt oder ob verboten ist, dass es überhaupt existiert. Paranoia, Angst und Panik, diese Gefühle kenne ich.

Ich halte ja Gefühle und Gefühlsregungen für übergriffig. Für eine Täterschaft. Ich halte das meiste unten, weil es wie eine unkontrollierbare Bestie alles zu vernichten droht. Ein Gefühl ist immer ein Übergriff. Jemandem dein Gefühl zu offenbaren ist immer eine Täterschaft. Deswegen haltet Dorian alles eisern unter Kontrolle. Leider aber ist er deshalb massiv paranoid.

Ich glaube er schützt einen anderen Anteil, und das mag jetzt witzig klingen, den ich Zwarg nenne. Als Fusion aus Zwang und Zwerg. So ein Zwerg ist Zwarg gar nicht. Er hat ziemlich viel Macht, ein Zwerg ist er nur, weil er sich unglaublich klein, angreifbar, verletzlich und auslöschbar fühlt. Er heult sofort herum, wenn er eine Bedrohung vermutet, er ist außer sich, in Panik, hysterisch, er flippt herum, rennt auf und ab, heulend, weinend, verzweifelt, unberuhigbar, kämpft Überlebenskämpfe, ahnt den inneren Tod. Dorian stellt sich schützend vor ihn, denn vor allem will Zwarg nicht gesehen werden in diesem Zustand und Dorian bietet ihm hinter sich Versteck.

Zwarg wiederholt dahinter immer wieder die gleichen Sätze, wälzt ununterbrochen die gleichen Ängste, denkt Dinge getan zu haben, die er nicht getan hat, hat schreckliche Angst deswegen den inneren Tod zu erfahren, der innere Tod ist, dass alle ihn so sehr ächten um ihn auszustoßen und allein zurück zu lassen, als kleinen, schutzlosen Zwerg. Dorian kann ihm nicht helfen, er kann ihn nur verstecken. Niemand kann ihm helfen, wirklich nichts. Benzodiazepine helfen. Und manchmal nicht mal die. Wenn Zwarg in diesem Zustand ist, ist jedes kleinste, auslegbare Zeichen eine Bestätigung seiner Angst. Zum Beispiel gratuliert er jemandem zum Geburtstag und wenn dieser nur mit einem einfachen, aber freundlichen „Danke“ antwortet, heißt das, dass er Zwarg nicht mag oder Zwarg ihm bestenfalls egal ist. Möglicherweise lässt Zwarg mich schon wegen so etwas nächtelang nicht schlafen.

Unter Benzo´s ist es so, als schaue man auf seine offene, klaffende, blutende Wunde ohne Schmerz zu spüren. Wie eine örtliche Betäubung, man sieht und man weiß von der Wunde, man sieht sie sogar direkt an, aber sie tut nicht weh. Benzo´s entspannen das Gedankenkreisen, sie fahren die körperlichen Stressreaktionen hinunter, das Herzklopfen, den Schmerz in den Adern. Sie betäuben die Symptome des Angstzustandes und erleichtern die kaum zu ertragende Panik, aber sie lassen dich nicht vergessen, dass die Wunde da ist. Sie nehmen dir nicht die Trauer so zu sein wie man ist und Zeit seines Lebens darunter zu leiden. Zumindest bei mir nicht.

Der Schmerz in den Adern: Überreizung kann vieles sein. Aus positiver und negativer Stimulation resultieren, wenn sie einfach zu groß ist. Bei mir äußert sich Überreizung in einem ziehenden, brennenden Schmerz in den Pulsadern. Deswegen ist mir verliebt sein auch so ein Graus, es tut weh. Ich falle in ein Loch, ich trete aus mir aus, ich bin nicht mehr da, kann nicht mehr atmen und kämpfe mit dem ziehenden, brennenden Schmerz vom Handgelenk und wenn es besonders schlimm ist bis in den Ellenbogen hinein. Das „Kribbeln“, das andere Leute beschreiben ist bei mir pure Strapaze, nicht nur körperlich.

Frauen verfolgen mich dann in meinen Träumen, sie wollen mir nahe kommen, weil sie Liebe wollen, ich erlebe das als Einvernahme, als den langsamen Tod. Der Kuss, der anfangs zärtlich und die sanfte, leichtfüßige Liebkosung ist, entwickelt sich schleichend zu einem gierigen Schlund, der unstillbar ist und erst dann satt, wenn er mich vollends verspeist hat. Die Frauen in diesen Träumen sind meistens irgendwie verwahrlost, verbraucht, roh, sie sind schön, aber zerstört und kaputt. Und offensiv in dem was sie wollen und brauchen. Mich. Sie kommen einfach auf mich zu, nehmen mich, küssen mich und es gefällt mir im Traum gleichzeitig schon und nicht.

 Liebe Johanna,

warum erträgst du mich nicht? Ich bin dein weinendes, jammerndes Herz, das zu dir spricht, ich denke das weißt du. Du hältst mich nur wenige Zeilen lang aus, ich schmerze dich zu sehr. Dabei biete ich dir nur Liebe an. Ich glaube du musst verstehen lernen, dass du dabei frei bist.

Deine Anima

Ich stelle mir die Gefühlswelt wie bunte, in der Luft herum schwebende Bälle vor, die immer wieder aufleuchten. Es gibt fünf Grundgefühle: die Freude, die Angst, die Trauer, die Wut und die Scham. Die bunten Bälle, die ich mir vorstelle, sind aber nicht diese Gefühle, die bunten Bälle sind die Angebote an die Bedürfnisse und Gefühle. Ich hatte schon gute Phasen in meinem Leben, wo ich genau dies erlebte.

In meiner Therapie existiert ein interessanter Zyklus – alle 12 Monate stellt sich eine Art Erfolgserlebnis ein. Meistens tauche ich dann in etwas, dass ich „die Atmosphäre“ getauft habe. Es heißt deshalb „die Atmosphäre“, weil es von Spüren und Intuition bestimmt ist, im krassen Gegenteil zu meinem sonst rational geprägten Navigationssystem. Wenn ich in der Atmosphäre bin, ist es gar nicht mehr nötig darüber nachzudenken, was denn nun die nächsten Schritte sind, was denn nun die passende Reaktion ist, wie ich denn nun zu etwas stehe, was ich über etwas denke oder welche Handlung es zu setzen gibt. In der Atmosphäre leitet mich rein mein Gefühl an, führt mich zu den bunten Bällen, ich weiß zu jeder Zeit was ich gerade brauche und will und genau danach richtet sich auch mein Handeln aus. Das Erstaunlichste daran ist, dass immer alles da ist was ich brauche und will. Fast schon wie es all die esoterischen Behauptungen verspre chen.

Hallo Anna!

Ich habe ein brutal schlechtes Gewissen, weil ich so abfällig über Emmi gesprochen habe. Sie ist nämlich ur lieb in Wirklichkeit. Also die Dinge, die ich über sie gesagt haben mag, stimmen natürlich schon irgendwie, ich glaube tatsächlich nicht, dass man so werden kann, ohne, dass sich dahinter ein wahrscheinlich furchterregender Schatten verbirgt, aber weißt du was? Warum muss man denn eigentlich unbedingt dahinter blicken, kann man es nicht einfach so stehen lassen, dass eben dies das System ist, das sie sich hochentwickelt hat und das Werkzeug, das für sie funktioniert um gut zurecht zu kommen? Und außerdem: Die anderen hier sind alle ein Alptraum! Nämlich wirklich, ganz ganz wirklich, ein Alptraum! Und mir fällt nichts besseres ein, als die Einzige abschätzig zu psychologisieren, die nett und menschlich zu den Leuten ist. Ist das nicht ein grausliches Prinzip? Wirklich du müsstest das mal sehen hier, die anderen Kollegen reden mit den Leuten wie mit Untermenschen und lassen keine Gelegenheit aus um sich nicht zuletzt ihre xenophoben Vorbehalte gegenseitig auffällig-unauffällig zu zu zwinkern. Wenn sie mit den Leuten streiten ist ihr liebster Abschlusskommentar: „Wir sind hier nicht in der Türkei!“ Wirklich, das ist ihr Lieblingsstatement zu allem. Egal um welche „Beschwerde“ es sich handelt, sie stellen es ab mit: „Wir sind hier nicht in der Türkei!“. Und zwar auch völlig unabhängig davon, ob das Gegenüber denn auch nur irgendetwas mit der Türkei zu tun hat. Für sie kommen einfach alle aus der Türkei. Ich glaube so etwas geht nur, wenn man jegliches Gefühl für andere Menschen verloren hat.

Wollte nur schnell mein schlechten Gewissen beruhigen, schick dir Bussi!

Johanna

Ich litt zehn Jahre lang an schweren Schlafstörungen. Weswegen ich zehn Jahre lang fast täglich Schlafmittel nahm. Als ich klein war und schlafen wollte kam immer der Sturm. Und der Sturm endete immer mit dem Tod. Wenn es still wurde war jemand tot. Zumindest glaubte ich das. Bedrohliche Gewitter schlugen in regelmäßigen Abständen ein, Blitze entluden sich, dann knallte es, dazwischen baute sich das Brummen und Rauschen auf und verdichtete sich, bis es so geballt war, dass es wieder zerspringen musste und das tat es mit einem lauten Knall, wenn sie am lautesten brüllten. Der Sturm war quälend und angstbesetzt, aber schlimmer war die Stille danach. Ich glaubte nicht, dass der Sturm einfach so um sein konnte, so ganz ohne Tote.

Fortsetzung folgt.